06. Apr. 2022

«Chancen finden sich vor allem im Angebotsbereich»

KO Be Interview

Im ersten Quartal 2022 hat das Projekt «Kooperation Ostermundigen – Bern» die kommunikativen und partizipativen Aktivitäten verstärkt. Bisher wurde in Ostermundigen eine Fokusgruppe und an drei Tagen ein Themenparcours durchgeführt. In Bern wurden Meinungen, Ideen und Wünsche zum Fusionsprojekt über eine Fokusgruppe und einen Informationsanlass mit runden Tischen im Sternensaal Bümpliz mit Teilnehmenden aus beiden Gemeinden ausgelotet.

Urs Bieri vom Meinungsforschungsinstitut GFS Bern war bei einigen dieser Anlässe für die Konzeption und Evaluation verantwortlich. Im Interview fasst er seine bisher gesammelten Eindrücke aus der


Urs Bieri, wie stark bewegt die Fusion in Bern und Ostermundigen die Gemüter?

Man spürt gut, dass in Bern und Ostermundigen unterschiedliche Betroffenheit und eine unterschiedliche Folgenerwartung herrscht. In Bern geht es nicht um den grossen Wurf, nicht um im Alltag wirklich spürbare Folgen. Dadurch ist im Moment die Betroffenheit und damit auch die Bewegung in Bern sichtbar kleiner als in Ostermundigen.

Wie interpretieren Sie dieses unterschiedliche Interesse im Hinblick auf eine künftige Abstimmung über das Fusionsprojekt?

Eine Fusion hat drei Phasen. Es braucht zuerst einen politischen Willen, der hat schon stattgefunden. Er hat einen Planungs- und Verhandlungsprozess ausgelöst, der aktuell läuft. Und schlussendlich braucht es noch eine Abstimmung an der Urne. Diese Abstimmung ist noch in weiter Ferne und entsprechend sind die grossen Mobilisierungsanstrengungen noch nicht geschehen. Im Moment spürt man in Bern sichtbar weniger Mobilisierung und damit auch weniger Protestmobilisierung. Im Normalfall ist das für eine Behördenvorlage wie die Fusion ein Vorteil.

Wo sehen die Berner*innen und Ostermundiger*innen Chancen einer fusionierten, grösseren Stadt?

Chancen finden sich vor allem im Angebotsbereich. Man erwartet, dass Ostermundigen in den Bereichen Freizeit und Verwaltungsdienstleistungen und auch beim kulturellen Angebot profitiert. Man sieht in Bern aber auch, dass eine grössere Stadt durchaus auch auf der Ebene Schweiz ein Vorteil darstellt. In den kommenden Verhandlungen um Ressourcen, um die Förderung von Regionen, macht es aus Sicht der Bewohner*innen durchaus Sinn, eine grössere Stadt in diesen Verhandlungstopf zu werfen und damit mehr Verhandlungsmacht zu haben.

In welchen Themen herrscht in der Stadt Bern eher Skepsis gegenüber einer Fusion?

In Bern gibt es relativ wenig Skepsis und wenn, dann ist sie eher fast fürsorglich im Sinne von Ostermundigen. Man wünscht sich ein Ostermundigen, dass nicht längere Wege zur Verwaltung hat, das profitieren kann von Freizeitangeboten und von zusätzlichen Verwaltungsdienstleistungen. Und man wünscht sich auch ein Ostermundigen, das gleichwertig und gleichberechtigt in diesen Verhandlungen und auch in einer grösseren Gemeinde stattfinden und erhalten kann, was Ostermundigen auszeichnet; zum Beispiel die Vereine oder die Raumplanung rund um Omundo.

Wie sehen diese Einschätzungen bei den Ostermundiger*innen aus?

Man spürt die deutlich höhere Sensibilität gegenüber dem Thema. Es geht um mehr, auch um den Alltag, der sich allenfalls verändert, und das ist Ostermundiger*innen absolut klar. Man legt sehr grossen Wert auf den Erhalt von Vereinen, welche in Ostermundigen stark ausgeprägt sind, und will diese auch im neuen Konstrukt als «Ostermundiger Vereine» erhalten. Man ist auch sehr darauf bedacht, diese Ortsplanrevision, die Ostermundigen in den letzten Jahren stark geprägt hat, aufrecht zu erhalten und mindestens für einige Jahre so zu sichern, wie Ostermundigen das beschlossen hat.

Bern und Ostermundigen werden je nach Projektverlauf 2025 fusionieren. Sehen Sie Gemeinsamkeiten in den Haltungen hüben und drüben der Gemeindegrenze?

Das Gemeinsamste ist tatsächlich die Gemeindegrenze respektive dass man sie eigentlich fast nicht sieht. Wenn man mit dem Bus vom Schosshaldenfriedhof Richtung Ostermundigen fährt, überschreitet man plötzlich eine nicht wahrnehmbare Grenze. Auch wenn man mit dem Auto von Ostermundigen Richtung Autobahneinfahrt wegfährt, wechselt man wieder unbemerkt ins Stadtgebiet. Ich glaube, das zeichnet die beiden Gemeinden sehr stark aus: Der Alltag ist genau der gleiche, man lebt genau gleich, man ist sicher sehr stark auch jetzt schon «Stadt Bern orientiert», mit der Arbeitstätigkeit, der Freizeitaktivität. Das gibt ein gemeinsames Grundgefühl, das sicher mithilft, die Gemeinsamkeit von Beginn weg auch so zu leben, sollte man zu einer Gemeinde werden.

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